Japan: Mehr Selbstmorde als Todesfälle durch COVID-19

Japan: Mehr Selbstmorde als Todesfälle durch COVID-19

In Japan steigt die Suizidrate wegen Corona-Maßnahmen

 

Jobverlust und mehr Einsamkeit: Die Corona-Pandemie macht der asiatischen Wirtschaftsmacht zu schaffen. In einer Gesellschaft, in der man über private Probleme lieber schweigt, hat das dramatische Folgen – die Suizidrate unter Japaner*innen ist auf einem Höchststand – vor allem Frauen* sind betroffen.

 

Einsamkeit und Isolation sind in der japanischen Gesellschaft ein weitverbreitetes Problem: Schätzungsweise eine Millionen erwachsene Männer und Frauen schließen sich dort in ihre Kinderzimmer ein und haben keinen Kontakt zu ihrer Außenwelt – weil sie keinen Job mehr haben, sich schämen oder Angst vor Menschenmassen haben. In Japan, wo dieses Phänomen so stark ausgeprägt ist wie nirgendwo sonst auf der Welt, hat man sogar ein Wort dafür: “Hikikomori“. Auf Deutsch übersetzt heißt das so viel wie “die, die sich einschließen“. Welche extremen Auswirkungen dann erst die Folgen einer Pandemie haben, spiegelt sich in den erschütternden Statistiken der japanischen Behörden wieder.

 

Seit Juli dieses Jahres beobachtet die japanische Regierung laut einem Bericht der “Deutschen Welle“, dass die Selbstmordrate im Land zunehme. Im Oktober stieg sie sogar den vierten Monat in Folge auf den höchsten Stand seit fünf Jahren, wie Daten der Polizei zeigen. Expert*innen machen dafür die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie verantwortlich, die offenbar vor allem Frauen treffen. Den Daten zufolge lag die Selbstmordrate im Oktober bei 2.153 Fällen – das sind 300 mehr als im September und die höchste Zahl seit Mai 2015.

Davon waren 851 Frauen, ein Plus von 82,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Bei Männern stieg die Rate um 21,3 Prozent. Frauen sind wirtschaftlich weitaus stärker und häufiger von Krisen betroffen: Sie arbeiten häufiger in befristeten Verträgen oder in Teilzeit. Das sind die Stellen, die zuerst gestrichen werden, wenn ein Unternehmen einsparen muss.

 

Auch Japans Stars sind betroffen

Dabei kam Japan anfangs noch ziemlich gut durch die Corona-Pandemie. Zwischen Januar und Juni sank die Zahl der nationalen Suizide sogar auf Tiefstwerte. Die Japaner*innen entdeckten den familiären Zusammenhalt wieder, durch den Lockdown wurden zwischenmenschliche Konflikte im Job und Alltag verringert. Inzwischen aber sieht die Lage ganz anders aus: Die Arbeitslosenquote ist von 2,4 Prozent im Februar auf 3,0 Prozent im August gestiegen. Knapp 2,1 Millionen Japaner*innen sind arbeitslos gemeldet – und das schlägt auf die psychische Gesundheit.

 

Seitdem häufen sich in der japanischen Presse auch die Schlagzeilen über Suizide von Schauspieler*innen, Sportler*innen und anderen Prominenten. Im Mai etwa nahm sich die durch das Netflix-Format “Terrace House” bekannt gewordene Wrestlerin Hana Kimura ihr Leben. Sie wurde nur 22 Jahre alt. Im Juni folgte der beliebte Schauspieler Haruma Miura, im September die Schauspielerinnen Sei Ashina und “The Ring”-Star Yuko Takeuchi. Sie alle konnten aufgrund der Corona-Einschränkungen ihrem Job kaum nachgehen.

 

japanischen Gesellschaft redet man selten über seinen Seelenzustand oder wie es einem geht. Wer nicht erfolgreich ist, so die weitläufige Ansicht, ist dafür irgendwie selber verantwortlich und muss damit auch selbst klar kommen. Die japanische Regierung kann angesichts der aktuellen Zahlen aber nicht mehr nur zu schauen, sondern muss etwas unternehmen.

 

Deswegen stockte sie ihr Jahresbudget für die Prävention von Suiziden auf etwa 3,7 Milliarden Yen, umgerechnet rund 29 Millionen Euro auf. Das sind 40 Prozent mehr als bisher – und das ist auch nötig. Die meisten Hotline-Betreiber und Beratungsdienste – übrigens zu einem Großteil privat finanziert – mussten aufgrund der Regeln zur Eindämmung des Coronavirus nämlich ihr Angebot reduzieren. Zudem bekommen sie kaum Spendengelder, obwohl sie seit Beginn der Pandemie nach eigenen Angaben eine erhöhte Zahl von Anrufern und Hilfesuchenden registrieren.

 

Es trifft vor allem Jüngere

Fahrgast in der U-Bahn von Tokio

Besonders eklatant wirken die Statistiken, wenn man den Vergleich zu den Toten zieht, die in direkter Folge einer Covid-19-Erkrankung gestorben sind: Das sind in Japan bisher etwa 16.000 Menschen. Im gleichen Zeitraum nahmen sich 23.000 aus eigener Hand ihr Leben.

 

Auffällig häufig betroffen sind Minderjährige. In dieser Altersgruppe nimmt in Japan die Zahl der Selbsttötungen ohnehin als einzige seit Jahren zu. Im August töteten sich 59 Grund-, Mittel- und Oberschüler, fast doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Seit Juni gibt es an Japans Schulen wieder Präsenzunterricht, Expert*innen vermuten, dass in diesem Zeitraum Mobbing sowie der starke Druck, den versäumten Unterrichtsstoff in kurzer Zeit wieder aufzuholen, zu den steigenden Zahlen führten. Schulverweigerer*innen nehmen zu.

 

Japan gehört zu den wenigen Ländern, die Selbstmorde zeitnah erfassen und die Statistik schnell veröffentlichen

Der Corona-Lockdown setzt Japaner*innen mental zu.

Welche Auswirkungen die Corona-Pandemie auf unsere mentale Gesundheit hat, ist bisher wenig erforscht. Doch Berichte deuten darauf hin, dass es infolge der Covid-19-Pandemie auch in anderen Ländern zu mehr Selbsttötungen kommt. In Südkorea etwa stieg im Frühjahr, also zu Beginn der Krise, die Zahl der Selbstmörder*innen signifikant an. Auch hier waren vor allem Frauen betroffen.

 

Eine US-Studie, die im Mai veröffentlicht wurde, prognostizierte laut der “Deutschen Welle” etwa 75.000 zusätzliche “Verzweiflungstote” in den kommenden zehn Jahren vorher. Dazu zählen sowohl Todesfälle durch Selbstmord als auch Drogenmissbrauch. Die indischen “Suicide Prevention Foundation” berichtet, dass zwei Drittel der Therapeuten mehr Selbstverletzungen und Selbsttötungsversuche verzeichnen.

 

Laut einer Umfrage der Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Versorgung der psychischen Gesundheit in mehr als 60 Prozent von 130 Ländern unter der Pandemie gelitten.

 

Hier bekommst du umgehend Hilfe, wenn du selbst betroffen bist

NOIZZ berichtet in der Regel nicht über Selbsttötungen, um keinen Anreiz für Nachahmung zu geben – außer, Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn du selbst depressiv bist, Suizid-Gedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

  • Quelle:
  • NOIZZ.de
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Alexx

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